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Durch die Gleitsichtbrille betrachtet…Ansichten über das Älterwerden

Uta 3

Ansichten über das Älterwerden. Ein wirklich spannendes Thema…mit „fast“ sechzig denke ich schon mal über das Älterwerden nach. Es beschäftigt mich und natürlich uns als Generation. Wir erleben das Älterwerden anders als unsere Großeltern und Eltern. Schließlich gehst Du ja nicht abends schlafen und wachst morgens als „Senior“ wieder auf…mal von den 24 Stunden abgesehen, die dazwischen liegen. Aber im Ernst, wie wird man gefühlt älter? Ist es die eigene Wahrnehmung oder eher die von anderen?

Mit meiner eigenen Wahrnehmung über mein Alter habe ich mich zunächst auseinandergesetzt. Ich komme nicht aus einer Großfamilie, habe nicht mit mehreren Generationen zusammengelebt. Leider hatte ich auch nicht wie meine Freunde aus der Kindheit Großeltern, die mir zur Seite gestanden hätten. Die Geschwister meiner Eltern waren quer durch das Land verteilt, Kontakt zur Verwandtschaft hatte immer etwas mit Verreisen zu tun. Meine Eltern besaßen kein Auto, ich war ein Eisenbahnerkind. In der Zeit meiner Schul- und Ausbildung hatte alles ein eigenes Tempo. Das Ziel war die Unabhängigkeit, endlich nicht mehr die Füße unter den Tisch der Eltern stellen müssen. Ich lebte im Moment oder in der Zukunft, die Vergangenheit wurde als lästig abgestreift. Vergangenheit gehörte nicht zu uns – sie gehörte zu den Älteren. Soviel zur Eigen- bzw. Fremdwahrnehmung!
Meine Altersbilder von meinem Mitmenschen in der Umgebung sind somit nicht repräsentativ. Nachbarn, Freunde der Familie, Kollegen oder auch die Verwandtschaft haben gearbeitet. Pflichterfüllung bestimmte das Leben und gab Sicherheit.  Und wenn sie Rentner waren, dann bezeichneten wir sie in meiner Generation als „alt“. Sie engagierten sich in Haus und Garten und waren „rüstig“– heute sprechen wir eher darüber, dass wir „aktiv im Alter“ sind. Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als einer der älteren Mitarbeiter in meiner Ausbildungsfirma von seinem bevorstehenden Ruhestand träumte. Ich war damals gerade 19 Jahre alt und dachte so bei mir selbst, dass ich darüber die nächsten Jahrzehnte besser nicht nachdenken sollte. Es ist mir irgendwie perfekt gelungen.

Ich habe zwei Söhne großgezogen, ich habe Karriere gemacht, ich bin durchs Leben geschritten…nein eher gejoggt. Irgendwie waren die Komponenten Zeit, Geschwindigkeit und Entspannung unvereinbar. Ich hatte die Arthrose dann nicht in den Knien, sondern eher in der Seele. Schmerzen wurden ignoriert, ab und zu mal ein Salbenverband – das wirkt scheinbar. Mit vierzig habe ich mein Studium abgeschlossen, dass ich während meiner Familienphase begonnen hatte. Ich war mit wesentlich jüngeren Kommilitonen gemeinsam in Richtung erfolgreichem Abschluss unterwegs. In dieser Zeit war „Älterwerden“ kein Thema. Wieder erfolgreich verdrängt. Aber rückblickend war es auch eine gute Entscheidung. Da das Leben eigene Romane schreibt, war ich froh, später nach dem Tode meines Mannes, einen beruflichen Wiedereinstieg erfolgreich gestalten zu können. Es sicherte uns wirklich die Existenz. Nach dem fünfundvierzigsten verdarb mir dann der Optiker gründlich den Spaß. Ich war schon seit meiner Einschulung erblich mit Kurzsichtigkeit geplagt und fest überzeugt, dass hier eine höhere Dioptrienzahl von Nöten wäre, um wieder den klaren Durchblick für das Kleingedruckte zu haben. Die Frage nach meinem Geburtsdatum konterte ich mit einem leichten beleidigten Tonfall. Die Fachexpertise ergab, ich wäre jetzt in einem Alter, wo die Altersweitsicht zum Tragen käme. Weiteres Leugnen half nicht, zumindest der Optiker wusste nun, dass ich „älter“ werde. Gemäß dem Motto, „Frau“ ist so alt, wie sich fühlt, schaffte ich mich eine Schar von Lesebrillen in allen Farben und Formen an, die ich an allen strategischen Punkten gut im Haushalt verteilte. Und wenn man sie mal nicht in der Tasche hatte, dann hatte die Kollegin oder der Kollege sicherlich einen ähnlichen Sehfehler. Mit + 1,5 Dioptrien waren die meisten gut versorgt. Diese Gemeinsamkeit teilte man gerne und konnte darüber hinweglächeln. Kleine Zugeständnisse erhalten die Freundschaft, oder?

Mit den Glaubenssätzen „Du musst…oder Du solltest…“ habe nicht mehr über das Älterwerden nachgedacht. Oder besser gesagt, ich habe die Endlichkeit meines Lebens erfolgreich verdrängt. Diese Gedanken befanden sich in einer der Kisten, die man in diesen Lebensphasen packt. Wie kleine Archivschachteln stehen sie aufgereiht im obersten Fach eines Regals. Da finden sich Aufschriften wieder wie „Was ich immer schon mal machen wollte, wenn die Kinder mal groß sind, wenn ich nicht mehr so viel arbeite, wenn ich im Ruhestand bin…oder einfach, wenn ich einmal mehr Zeit habe!“ Welche Aufschriften tragen Deine Archivschachteln? Wenn Du Dir in einem sicher sein kannst, das Leben wartet nicht, bist Du Dein persönliches Archiv erschaffen hast. Wem würdest Du Deine Wünsche, sorgfältig sortiert, organisiert und abgeheftet, in Archivschachtel verpackt als Archivgut Deines Lebens anvertrauen? Klare Antwort – wenn Deine Kinder oder Enkel in die Rolle des Archivwächters schlüpfen…dann ist es für Dein Leben zu spät. Klingt hart – ist aber so.

Die Geburtstage zogen vorüber, ich hatte aber weniger ein Problem damit. Mag sein, dass die Gene es wohlwollend meinten, mit den ersten und dann immer mehr Fältchen konnte und kann ich heute noch gut leben. Hatte auch das Glück, dass ich bei Schätzungen über mein Alter, immer ganz gut abgeschnitten habe. Gesund war das sicherlich nicht immer, denn das Tempo mit dem ich durch Arbeits- und Privatleben gehastet bin, war alles andere als in einer guten Balance. Gut funktioniert, wie ich es selbst und andere von mir eben erwartet haben. Krankheiten bedeuten dann manchmal eine Zwangspause – nicht im Terminkalender vereinbart und geplant, sondern sie passieren. Daraus gelernt habe ich, dass es nicht selbstverständlich ist, ein Anrecht auf das „Älterwerden“ zu haben. Rechts und links von der Spur hat man Wegbegleiter manchmal verloren. Das Leben ist ein Geschenk. Und um dieses Präsent muss man gelegentlich auch mit allen Kräften darum kämpfen. Es war mir vergönnt, meinen fünfzigten Geburtstag zu feiern. Und seit dieser Zeit folge ich einem guten Rat einer Freundin „nicht über das Alter zu jammern, denn es gibt Zeiten, da ist es nicht sicher, ob man noch Geburtstage feiern kann“.

Meine Einstellung zum Alter? Ich genieße jedes Lebensjahr – die einfachen und die nicht so einfachen. Die Währung meiner Lebenszeit hat sich verändert. Aus den kommenden Jahren sind immer mehr die kostbaren Augenblicke geworden. Die Endlichkeit des Geschenk Lebens findet den Weg aus dem Unterbewusstsein in den Alltag. Achtsamkeit mir selbst gegenüber, bedeutet heute, ein Leben in Zufriedenheit zu führen. Ich sitze im Jetzt am Steuer meines Lebensautos und nicht mehr auf dem Beifahrersitz. Die Wahl der Gänge, der Geschwindigkeit und ein kräftiger Tritt auf die Bremse, liegen immer mehr in meiner Entscheidungsfreiheit. Sicher, zeitweise muss ich jetzt auch Zugeständnisse machen. Die Schuhe, mit denen ich die Nächte durchtanzen (würde!) haben sich verändert. Sie sind bequemer geworden. Im Zeitalter der Sneakermodelle fällt das aber mittlerweile nicht mehr so auf. Eine Gleitsichtbrille ergänzt das torische (Toric = Hornhautverkrümmung) Kontaktlinsenset – mittlerweile ohne beleidigten Unterton.

Mit dem Älterwerden ist es also wie mit der Gleitsichtbrille. Eine (Seh)hilfe für die Distanz und die Nähe im Leben. Und das liegt im Auge des Betrachters. Ernst Ferstl, ein österreichischer Lehrer und Schriftsteller, zitiere ich heute als Schlusswort:

„Wir brauchen viele Jahre bis wir verstehen, wie kostbar Augenblicke sein können“
(2009, deutsche Januarausgabe Reader´s Digest, Seite 23)

Bildquelle: Adobe Stock Nr. 28951765 Liliya Kulianionak

  1. Eines steht fest. Und zwar so fest, wie nichts anderes auf dieser Welt: Das Leben ist tödlich. Der brillante und bedeutende britische Ökonom, Politiker und Mathematiker, John Maynard Keynes, der übrigens auch an der Börse sehr erfolgreich war, stellte fest: „Langfristig gesehen sind wir alle tot.“ Unsere Zeit ist begrenzt. Die Uhr tickt unaufhaltsam von der Geburt bis zu dem Tag, an dem das Licht ausgeht. Daher steht die Zeit auch in einem gewissen Zusammenhang mit der Gesundheit. Für Stefan Riße, der lange Jahre mit André Kostolany befreundet war, ist die Zeit eine Währung. An jedem Tag geht uns ein wenig davon verloren und der verbleibende Rest wird immer wertvoller. Wie viel Zeit jeder von uns zur Verfügung hat, weiß niemand. Nur eines ist klar: Das Leben ist kurz und es wird mit jedem neuen Tag kürzer. In der Jugend denkt man nicht darüber nach. Man geht teilweise sogar verschwenderisch mit seiner Zeit um. Gerade so, als stünde einem die Ewigkeit zur Verfügung. Bereits vor zwei Jahrtausenden stellte Seneca fest: „Es ist nicht wenig Zeit, die wir zur Verfügung haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen.“ Die englische Ärztin Cicely Saunders formulierte es so: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ Der Dalai Lama philosophierte einmal, dass viele Menschen so auf ihre Zukunft fixiert sind, dass sie die Gegenwart nicht genießen. Sie leben so, als ob sie nie sterben würden. Und schließlich sterben sie, ohne jemals richtig gelebt zu haben. Mit dem Alter denkt man immer öfter über dieses Thema nach. Und man erkennt dann sehr schnell, dass unser Leben nur ein Blitzschlag im Zeitablauf des Universums ist. Wir sollten darum während dieser kurzen Zeit unserer Existenz auf der Erde glücklich und zufrieden sein. Und das Leben in allen Nuancen genießen. Schließlich gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass es davor oder danach irgendeine andere Existenz für uns gegeben hätte oder geben könnte. Also, lebe hier und jetzt!

    (Auszug aus meinem Buch: Jugend – das Samenkorn zum Millionär – fordere eine Leseprobe an)

    • Uta Uta

      Du hast vollkommen Recht, lieber Harry…Wissenschaft und Logik sind das eine Argument. Wenn man so im Flow feststeckt, dann verliert man die Sicht auf die ganz persönlichen Dinge. Gefühlsmäßig sind wir oft abgehängt und trauen uns nicht mehr ihnen Raum zu geben. Es gilt immer noch, dass der, der Gefühle zeigt, verletzlich ist. Davon gilt es, sich frei zu machen. Und wir müssen manchmal erst wieder neu lernen, dass der Tod sich selbst zu verleugnen und nicht ernst zu nehmen, der größere und schmerzlichere ist. Vielleicht gelingt uns das ab einem bestimmten Lebensalter besser. Aber was mir wichtig ist…aufstehen und jetzt beginnen. Und zu der eigenen Person stehen. Wenn Du es selbst nicht tust, dann darf man sich auch nicht wundern, dass andere es nicht für uns tun. Also…auf auf zu neuen Wegen!

      • Harald Gerhards Harald Gerhards

        Dazu ein paar aktuelle Worte von mir und ein paar weitere Sätze aus meinem Buch…

        Okay – wer Gefühle zeigt, ist verletzlich. Aber der Mensch hat nun einmal Gefühle – ob er will oder nicht. Die Frage ist nur: Wie geht man damit um? Versucht man sie zu unterdrücken oder lässt man sie zu. Gefühle sind Emotionen. Und die spielen im Alter ohnehin eine besondere Rolle. Denn alte Menschen sind im Stande ihre Emotionen besser zu kontrollieren und sie nehmen negative Emotionen nicht mehr so stark wahr wie früher. Außerdem sind sie in der Lage, sich an kleinen Dingen zu erfreuen, die viele junge Menschen gar nicht bewusst wahrnehmen.

        Arbeit ist nicht alles. Man muss sich auch selbst einmal dafür, was man geschafft hat, belohnen. Der Italiener sagt: „Dolche far niente“ (süßes Nichtstun). Stell Dir vor, Du sitzt gemütlich am Ufer eines idyllischen Sees inmitten einer Blumenwiese. Eine warme leichte Brise weht Dir durchs Haar. Du nimmst den Geruch von frisch gemähtem Gras war. Leise plätschernde Wellen malen Muster in den Sandstrand. Die Sonne verschwindet hinter den Kiefernwäldern und taucht den See in ein feuriges Rot. Das Ruderboot eines einsamen Anglers malt mitten in diesem romantischen Gegenlicht Muster in den See. Du lauschst der Stille und zwischendurch dem Abendgesang einer Lerche. Ein Milan zieht seine Kreise über dem See und ein Schwanenpaar führt stolz seine Jungen aus. Du sitzt da, genießt den Augenblick und Deine Gedanken verlieren sich im Nichts. Die Welt in der wir leben und das Leben selbst sind wunderbar. Lass einfach die Seele baumeln und genieße den Augenblick. Das ist eines der größten Vergnügen, das sich der Mensch leisten kann und auch sollte.

        Leben bedeutet aber nicht nur die Seele baumeln zu lassen, sondern auch mal was ganz Verrücktes zu tun. Der englische Schriftsteller John Boyston Priestley meinte: „Manche opfern ihre Gesundheit um reich zu werden. Dann opfern Sie ihren Reichtum, um wieder gesund zu werden.“ Die Gesundheit ist mit Abstand das allerwichtigste im Leben. Sie ist abhängig von den Genen, vom Schicksal und von der Lebensweise. Natürlich hast Du gewisse Möglichkeiten darauf einzuwirken, eben gesund zu leben und auf diese Weise vielleicht ein paar extra Jahre herauszuschinden.

        Also, nutze Dein Leben jetzt. Und genieße es hier auf Erden, jede Minute, jede Stunde, jeden Tag. Wenn Dir danach zumute ist, knick die Welt um. Also, Carpe Diem (wörtlich: pflücke den Tag), lebe das Heute und warte nicht bis Morgen. Denn so schnell ist Deine Zeit vorbei. Und es wäre schade, wenn Du im Alter sagst: „Beim nächsten Mal würde ich alles anders machen“. Ich bin sicher, es gibt kein nächstes Mal. Darum halte ich es so: Ich bin aus der Ewigkeit gekommen und werde wieder in der Ewigkeit verschwinden. Die vielen Milliarden Jahre nach meinem Tod werden für mich ebenso verlaufen wie die Milliarden Jahre vor meiner Zeugung: Ich existiere einfach nicht. Aber ich glaube daran, in meinen Kindern, Enkeln und Urenkeln weiterzuleben. Ich werde immer ein Glied in ihrer Lebenskette bleiben, denn ohne mich wären auch sie nicht. Darum ist es ein schönes, ja, sogar ein beruhigendes Gefühl, mit anzusehen, wie die eigenen Kinder zu Familien heranwachsen. Mitzuerleben, wie ein Teil des eigenen Lebens mit den Kindern und Enkelkindern weiterlebt und sich so über Generationen entwickeln kann. Ich genieße dieses Gefühl. Es macht mich ausgesprochen glücklich. Und ich bin sehr dankbar dafür.

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